Eine Universalistin geht steil

Eine Universalistin geht steil

Einfach mal die Wände hochgehen: Für Anh ist dies eine der schönsten Nebenbeschäftigung nach der Arbeit. Wann immer möglich, begibt sich die 32-jährige UX-Designerin von EDAG aeromotive ins Innere der „Schwerkraft“. So heißt die Boulderhalle in Ingolstadt. Ohne Sicherung hangelt sich die drahtige Powerfrau durch einen Parcours voller quietschbunter Griffe und Tritte nach oben. Unter sich eine weiche Matte – für den Fall der Fälle.

Die Leichtigkeit beim Aufstieg, gepaart mit einer unverwüstlichen Fröhlichkeit, scheint Anh irgendwie angeboren zu sein. Mit 14 Jahren kam sie aus Vietnam nach Deutschland. Fleißig die Sprache gelernt und dann voller Neugier ins Leben: Von Baden-Württemberg führte Anhs Weg nach Bremen, wo sie das Fachabitur im Kunst- und Medienzweig machte.

Spielerisch zu Lösungen kommen

„Kreativität und Technik spielerisch zusammenzuführen hat mir immer schon Spaß gemacht“, sagt sie. Zum Beispiel bei Pen & Paper-Rollenspielen mit Freunden. Dabei gilt es, in einer Gruppe von sechs bis acht Leuten ein fiktives Abenteuer zu bestehen und knifflige Rätsel zu lösen. Mit Stift und Papier. Oder online. „Das schärft die Sinne für die Struktur einer Aufgabe und wie man in der Interaktion den Weg zum Ziel für alle Beteiligten nachvollziehbar erklärt.“

Wie macht man aus einem solchen Interesse einen Beruf? Die Antwort fand Anh an der TH Ingolstadt im Studiengang UX-Design. Hier dreht sich alles um Anwendung von UX-Methoden, die Analyse und Ausgestaltung der User Experience, also der Erfahrung, die ein Nutzer mit einem Produkt macht. UX-Designer müssen Universalisten sein“, stellt Anh fest. „Um Anwendern ein verlässliches Tool an die Hand geben zu können, sollten wir nicht nur die eingesetzte Technik und Software in ihren wesentlichen Grundzügen verstehen, sondern vor allem auch den User selbst und seine tatsächlichen und potenziellen Bedürfnisse.“ Da schwinge immer eine gute Portion Psychologie im beruflichen Alltag mit. „Miteinander reden, zuhören können und empathisch sein – das sind ganz wesentliche Bestandteile für ein gutes UX-Design“, weiß Anh.

Im Studium hatte sich Anh erstmals auch mit Flugzeugen beschäftigt. Während eines  Hochschulprojekts zusammen mit Airbus konnte sie bei der Gestaltung für ein neues Cockpit mitarbeiten. Ihre Neugier war geweckt. Da war dann für sie der Weg zu EDAG aeromotive nicht mehr weit.

Seit einem Jahr ist Anh nun im Unternehmen und Teil eines jungen, fünfköpfigen Teams. „Das ist für mich ein Glücksgriff. Wir sind super aufeinander eingestellt und haben eine tolle Arbeitsatmosphäre und unternehmen auch privat viel zusammen“, schwärmt sie. Und dass die Aufgaben und Herausforderungen im Arbeitsalltag extrem vielfältig sind, ist ganz nach ihrem Geschmack. Sie reichen von der Entwicklung interaktiver Prototypen für Desktop-Applikationen, über Informations- und Steuerungstools für Piloten bis hin zu Virtual Reality.

Vor allem VR hat es Anh angetan: „3D-Modelle in die virtuelle Welt zu integrieren und mit Interaktionen zu verbinden, finde ich total faszinierend.“ Virtual Reality sei für sie eine große Spielwiese für Kreativität, um darauf eigene Welten mit eigenen Erlebnissen entstehen zu lassen.

Aus dem Cockpit zum Traumjob

Zur richtigen Zeit die richtige Information an der richtigen Stelle

Die User Interfaces, an denen Anh arbeitet sollen den Piloten später einmal schnell und zuverlässig mit allen für sie relevanten Informationen rund um den Flug und die Technik versorgt werden. Als UX-Designerin müsse sie dazu möglichst wissen, mit welchen Erwartungen und Voraussetzungen die Piloten an ihre Displays herangehen. Zum Beispiel: Was verstehen sie vom jeweiligen Vorgang? Wie viele Informationen und in welcher Tiefe brauchen sie im Flugbetrieb und welche Aufmerksamkeitsressourcen stehen ihnen dabei zur Verfügung? Wo liegen ihre Möglichkeiten und Grenzen für intuitives Handeln? Und natürlich: Welche Sicherheits- und gesetzlichen Vorschriften sind einzuhalten?

Ein Icon sagt mehr als 1.000 Worte

Die Lösungen des UX-Designs würden maßgeblich von Grundregeln der menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit mitbestimmt. Anh bringt dies gleich auf den Punkt. Regel eins: Emotionalität gewinnt – „Je mehr Emotionen ein Design transportiert, desto leichter lässt sich ein System bedienen und sich ein Zusammenhang merken.“ Regel zwei: Weniger ist mehr. „Frei nach dem Motto: Ein Icon sagt mehr als 1.000 Worte.“ Regel drei: User first! „Der Nutzer ist nicht schuld, wenn etwas nicht funktioniert. UX-Design ist kein Selbstzweck, sondern steht immer auf der Seite der Anwender. Wir machen, dass ein Produkt am Ende auch verlässlich das tut, was es soll. Ohne Wenn und Aber.“

All dies sei für Anh ein bisschen so wie beim Bouldern. „Wer seine Ziele erreichen will, braucht einen inneren Kompass, eine klare Strategie sowie solides Wissen und Kreativität.“ Und immer auch eine gute Portion Mut. Wie in der „Schwerkraft“. Anh hängt knapp drei Meter über dem Boden in der Wand und nimmt ihren Weg – Schritt für Schritt, Griff für Griff, mit einem gewinnenden Lächeln. Ganz einfach.


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