Der Zuhörer

Der Zuhörer

Seine Frau sagt „Männerhöhle“ dazu, für ihn selbst ist es sein persönlicher Klanghimmel: das Sound-Labor von Philipp. Der Projektleiter Sound und Akustik bei EDAG Electronics in Gaimersheim hat sich sein heimisches Arbeitszimmer zum Profi-Tonstudio ausgebaut. Hier zelebriert er das, was er am liebsten mag: Zuhören! Und das Gehörte nach allen Regeln der Kunst zu verfeinern und zu perfektionieren. 

Philipp liebt Musik, spielt von klein auf Gitarre. „Aber für eine Musiker-Karriere fehlte mir das Talent“, bekennt er. Vielleicht war und ist er auch nur etwas zu kritisch mit sich selbst. Denn Philipp versteht wirklich etwas von Musik. An Klang und Töne setzt er höchste Ansprüche. Das wissen mittlerweile auch Musiker und Studiobesitzer aus aller Welt zu schätzen, die sich von ihm in der Abmischung ihrer Alben beraten lassen. „Es hat mich immer schon brennend interessiert, was den perfekten Klang ausmacht, welche Zusammenhänge dabei wirken und wie man technisch über leistungsfähige Lautsprecher und Verstärker dorthin kommt“, sagt er. Audio-Engineering zu studieren, war da für ihn eine logische Konsequenz seiner Leidenschaft.

Vom Hörerlebnis zu orchestrierten Gesamtprozessen

„Bei EDAG Engineering habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht“, sagt Philipp und strahlt zufrieden. Als Projektleiter ist sein Arbeitsbereich nicht nur auf das Mischpult begrenzt. Er ist mit seinem Team vielmehr in den gesamten Entwicklungsprozess integriert. Dazu gehört die enge und intensive Zusammenarbeit mit den Design-Abteilungen, der UI-/UX-Konzeptentwicklung sowie den verschiedenen Projektschnittstellen. 

Den Sound isoliert von der Gesamtfahrzeugentwicklung zu betrachten, macht für den Audio-Ingenieur keinen Sinn. „Auch wenn wir möglichst nah an das akustische Erlebnis heranreichen wollen, ist der Innenraum eines Autos kein Konzertsaal. Der Sound muss flexibel sein und sich der Fahrzeuggeometrie und den jeweiligen Fahrsituationen mit all ihren Nebengeräuschen anpassen.“ Mit anderen Worten: Sound im Auto ist eine Herausforderung, wie sie komplexer kaum sein kann. Philipp und sein Team arbeiten dazu beispielsweise mit eigenentwickelter Software, die erkennt, in welchem Fahrmodus sich das Auto befindet und daraufhin in Echtzeit Lautstärke und Frequenzen des Soundsystems flexibel anpasst. „Man muss kein Prophet sein, um zu sagen, dass es da in den nächsten Jahren noch viel Entwicklung geben wird, damit man im Fahrzeug jederzeit das hört, was man hören will.“

Mit den Ohren immer auf Empfang

Auf dem Weg dorthin kommt es Philipp entgegen, dass er es als Hobby-Tonstudiobesitzer versteht, Klang in all seinen Facetten zu durchleuchten, bis in die Tiefen der Psychoakustik hinein. Er beschäftigt sich mit Fragen wie: Wie viele Geräusche kann der Mensch gleichzeitig hören, wie lassen sich Fahrgeräusche und der Sound aus den Entertainment-Systemen so komponieren, dass sie positiv auf das Wohlbefinden und die Fahrsicherheit einwirken und dem Fahrzeug zugleich seine ganz eigene Charakteristik geben? „Beim Fahrerlebnis gibt es immer sehr viele Wahrnehmungsebenen, die zur Bewertung des Produkts beitragen. Akustik wirkt dabei im Bewusstsein genauso wie im Unterbewusstsein. Und zwar immer: Wir können die Ohren ja nicht zumachen“, unterstreicht Philipp.

Im Engineering, wo Hard Facts, physikalische und technische Gesetzmäßigkeiten den Ton angeben, nimmt der Sound eine Sonderrolle ein. „Ihn abseits seiner physikalischen Struktur zu beschreiben, ist im Vergleich zu einer Karosseriestatik wenig greifbar und immer abhängig von den individuellen Klangerfahrungen“, sagt Philipp. „Das ist wie in der Architektur oder beim Tanzen. Wir haben mit abstrakten Mustern zu tun, die ganz unterschiedlich gedeutet werden können.“ Und da kommt wieder die Psychoakustik ins Spiel. „Schließlich soll das gesamte Sound-Erlebnis – etwa eines Lamborghini, Ferrari oder Audi – unterscheidbar bleiben und auf die jeweilige Charakteristik des Fahrzeugs verweisen. Da setzt jeder Hersteller eigene Prioritäten, denen wir mit unserer Akustikgestaltung entsprechen.“

Zu leise geht auch nicht

Langweilig werde es ihm nie. „Dafür dreht sich das Rad der Zeit viel zu schnell“, sagt Philipp. Die Herausforderungen seien dabei auf den ersten Blick oft unspektakulär, hätten es aber in sich. „Zum Beispiel, als bei einem von uns betreuten Modell das Dichtungskonzept einer Tür umgestellt wurde. Auf einmal hatte sich die Performance des Lautsprechers verändert. Das hätte vorher keiner gedacht.“ Oder wenn Geräusche plötzlich verstummen. Wie in der E-Mobilität mit ihren super-leisen Antrieben. „Um das Fahrzeug im Straßenverkehr wahrnehmbar und damit sicherer zu machen, sind Außenlautsprecher gefragt. Dazu müssen wir im Audio-Engineering nicht nur den zum Fahrzeug passenden Sound komponieren, sondern zugleich auch die Umgebungsfeuchtigkeit, Temperatur, Schmutz und natürlich alle gesetzlichen Vorgaben im Blick zu haben.“ 

Die fortschreitende Digitalisierung hilft solche Szenarien immer effizienter zu gestalten. Bereits heute spielt Philipps Team viele Entwicklungsschritte mit Hilfe von Finite-Elemente-Simulationen virtuell durch, bevor sie realisiert werden. „Das spart Entwicklungskosten und -zeit und eröffnet uns ganz andere Gestaltungshorizonte“, sagt Philipp. Komplexe Rechenprozesse am Computer zu beherrschen, sei für ihn selbst deswegen heute genauso wichtig wie ein feines Gehör und ausgefeilte Messtechnik. „Simulieren und Testen gehen immer Hand in Hand.“

Das ganze Musikuniversum im Auto

Was heißt diese Technisierung und Digitalisierung für den musikalischen Feingeist? „Über das Internet und die vielfältigen Streaming-Möglichkeiten hat jeder Zugang zum gesamten Musikuniversum. Ich finde das großartig. Das ist ein Privileg, das viele vielleicht gar nicht zu schätzen wissen.“ Für die Audio-Ingenieure bei EDAG Engineering sei dies Herausforderung und Verpflichtung zugleich. „Wie schaffen wir es, die Nutzer in ihren Klangerlebnissen zu überraschen und zu begeistern – ganz gleich, ob ihre Vorliebe dem Heavy Metal, der Elektromusik, der Klassik oder dem Hörbuch gilt? Bei der Fahrt kompositorische Details oder Instrumente erlebbar zu machen, die man vorher gar nicht wahrgenommen hat, ist für mich das Höchste.“  

Philipp hält sich dazu auch nach Feierabend in seiner „Männerhöhle“ immer auf dem Laufenden. Schaut Youtube-Tutorials von Akustik-Nerds aus der ganzen Welt, liest Fachbücher sowie die einschlägigen Blogs und Magazine. „Ich habe immer die Augen offen. Und die Ohren natürlich. Ich bin sicher, dass meine Arbeit in fünf Jahren eine ganz andere sein wird als heute.“ Ob ihm diese Aussichten auch Angst machen? „Im Gegenteil. Ich freue mich darauf.“ 

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