Der Avioniker und der Traum vom Fliegen

Der Avioniker und der Traum vom Fliegen

Gibt es eine Vorhersehung? Schwer zu sagen. Aber wenn ein kleiner Junge mit seinen Freunden zum Spielen auf einen verlassenen Flughafen geht, wo sie sich in einen alten Hangar schleichen und dort eine Kiste mit einem verwitterten Bauplan einer Propellermaschine finden, kann schon mal der Kompass für das spätere Leben justiert werden. „Damals, als Knirps, hat bei mir sofort das Kopfkino begonnen“, erinnert sich Stefan. „Fliegen war seither für mich ein Traum.“

Und der ist tatsächlich in Erfüllung gegangen – ob als Vorhersehung, oder nicht. Egal. Dafür ist Stefan viel zu rational. Er ist heute 30, zweifacher Familienvater und ein gestandener Systemingenieur für Testsupportsysteme bei EDAG aeromotive in Ingolstadt. Bei Airbus in Manching kümmert er sich um Testverfahren und Systemabstimmungen von Testsupportsystemen großer Flugsysteme wie Tornado, Eurofighter, A400M und FCAS. Heutige Themen sind nicht mehr das Testen von Radar, Navigation und Kommunikationsanlagen, sondern Entwicklung, Design und Integration von Testsupportsysteme. Aus dem Kopfkino des kleinen Flugplatzabenteurers ist längst ganz großes Engineering-Kino geworden. 

Durchstarten mit Qualifikationen

Nach der Schule hatte sich Stefan für acht Jahre bei der Bundeswehr verpflichtet. Selbst Pilot zu werden, kam für ihn als Kontaktlinsenträger nicht in Frage. Seinem Traum vom Fliegen konnte diese kleine Einschränkung nichts anhaben. In Kassel durchlief Stefan die Ausbildung zum Fluggeräteelektroniker. Später schloss er auch noch eine Weiterbildung zum Elektrotechniker an. „Da hat mir die Bundeswehr Tore geöffnet, die mir ohne Abitur verschlossen geblieben wären.“

Als sogenannter Heeresflieger war Stefan Teil der militärischen Luftunterstützung. Hier gehörte die technische Betreuung von Hubschraubern vom Typ „Bell UH-1D“ und „Bo 105“ sowie dem Unterstützungshubschrauber „Tiger“ zu seinem Aufgabengebiet.

Schnell wurde er zum gefragten Experten – und konnte mitfliegen. Zum Beispiel bei einem Gebirgsflugtrainings der NATO in Montenegro. Ziel war es, mit dem Hubschrauber durch eine schwierige Topografie zu fliegen, im Sturzflug an Felswänden entlang, in Steilhängen Soldaten abzusetzen und wieder aufzunehmen. „Das war extrem herausfordernd und fühlte sich oft an wie Achterbahnfahren – eine super Erfahrung“, schwärmt er noch heute von seinem Kampfhubschrauber-Thrill.

Engineering mit Bodenhaftung

Aber das ist Vergangenheit. „Jetzt bleibe ich ganz gern am Boden und stecke mein Gehirnschmalz und meine Erfahrung bei EDAG aeromotive lieber in die Entwicklung und Anwendung von Testsupportsystemen für Flug- und Wehrtechnik. Seine militärische und berufliche Ausbildung bei der Bundeswehr kommen ihm dabei sehr entgegen.

Am Anfang seines zivilen Berufslebens stand gleich ein Mega-Projekt, das nicht nur in militärischen Luftfahrtkreisen für ein anerkennendes Zungenschnalzen sorgt. Für den Kunden Airbus arbeitete Stefan über zweieinhalb Jahre an einem großen, multinationalen NATO-Projekt zur Weiterentwicklung des AWACS-Systems mit. Mit dem „Airborne Warning And Control System“ ausgestattete Aufklärungsflugzeuge können beispielsweise auch auf große Entfernung andere Flugzeuge erfassen und identifizieren, den Luftverkehr koordinieren und als Kommunikationsknotenpunkt fungieren – als fliegender Tower gewissermaßen. „Die Weiterentwicklung von AWACS war Luftfahrttechnologie auf höchstem Niveau“, sagt Stefan. Nicht nur weil an dem Projekt Spezialisten aus der ganzen NATO beteiligt waren, sondern auch weil mit Airbus und Boeing gleich die zwei größten Flugzeughersteller der Welt mit an Bord waren.

Druckbetankung mit Erfahrung

„Das waren zweieinhalb Jahre Druckbetankung mit Hightech-Engineering-Erfahrung“, bringt es Stefan auf den Punkt. Hier habe er erleben können, wie unterschiedlich international gearbeitet wird und was getan werden muss, um diese Arbeitsweisen zum gemeinsamen Erfolg zusammenzuführen. Seine Erkenntnis daraus: „Wenn man angesichts unterschiedlicher Standards in Europa und den USA versucht, nur den eigenen Kopf durchzusetzen, kommt man sicher nicht weit. Besser ist zu fragen: Wie testen und entwickeln andere Nationen und wie können wir als Team gemeinsam das Optimum aus unserem Tun herausholen.“

Lösungen zu finden, die abstrakt und kompliziert herzuleiten sind, macht ihm am meisten Spaß. „Das ist wie bei einem Zauberwürfel, da fängt man auch klein an mit Drei-mal-Drei-Varianten, um sich dann in immer komplexere Sphären hoch zu hangeln“, sagt er. Dieses strukturierte, von viel Selbstdisziplin geleitete Denken komme ihm heute bei seinen Aufgaben als Systemingenieur sehr entgegen.

Mit dem digitalen Alleskönner unterwegs

Stefan ist ein Tüftler. Es macht ihm Spaß, technisch Dinge auszuprobieren und daraus eigene Lösungen zu entwickeln. Aus seinem Rucksack kramt er einen Raspberry Pi hervor, einen kleinen Einplatinen-Computer. Eigentlich ein unscheinbares Ding, das man als Laie irgendwo ganz hinten in der Nerd-Ecke von Elektro-Conrad vermuten würde. Eine Platine im Scheckkartenformat, ein Prozessor, ein paar Widerstände und Schnittstellen. „Damit kannst du so gut wie alles machen“, sagt Stefan und strahlt. Zum Beispiel fürs Smart Home: das Gargentor via App steuern, Rolläden rauf- und runterlassen, Lichtersteuerung für den Garten oder gar ein komplettes Entertainmentsystem damit betreiben.

Anwendungen für solche Funktionen hat er reichlich. Stefan hat gerade ein Haus gebaut. Mit seiner Frau, Tochter und Sohn lebt er rund 70 Kilometer von Ingolstadt entfernt in Röttenbach, einem kleinen Dorf im fränkischen Seenland. „Da ist es einfach schön, mit viel Natur und Platz für die Kinder.“, sagt er. Für die Familie nimmt er deswegen auch gerne das Pendeln auf sich. In der Regel macht er sich morgens bereits in aller Herrgottsfrüh auf den Weg, sitzt dann schon um 6:00 Uhr am Schreibtisch über seinen Aufgaben. So bleibt dann am Nachmittag noch Zeit fürs Familienleben – und fürs weitere Tüfteln.

Einen insgeheimen Traum hat Stefan übrigens immer noch. Es muss nicht mehr Fliegen sein. Aber ein Ford Mustang von 1965, das wäre schon was. „Alles der Reihe nach“, sagt er. „Jetzt ist erst mal die Familienkutsche angesagt.“ Dass Stefan darüber seinen Traum aus den Augen verliert, steht nach Lage der Dinge nicht zu befürchten.


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